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Wie übe ich richtig Klavier? Teil 3: Die Rolle des Körpers und der Bewegung beim Spielen

  • Autorenbild: Richard Ilya Tauber
    Richard Ilya Tauber
  • 10. Nov. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 16. Juli

Bewegung ist beim Klavier üben sehr wichtig

Wer an Klavierspielen denkt, hat meist das Bild von flinken, präzise über die Tasten gleitenden Fingern vor Augen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Das Klavier ist kein reines Finger-Instrument – es ist ein Ganzkörper-Instrument. Eine freie, gesunde und ausdrucksstarke Interpretation entsteht erst dann, wenn unser gesamter Bewegungsapparat harmonisch zusammenarbeitet.


In diesem dritten und letzten Teil unserer Übeserie (inspiriert von meiner Lehrpraxis an der mdw sowie den Erkenntnissen von Gerhard Mantel und Francis Schneider) verlassen wir die reine Theorie des Gehirns und widmen uns der physischen Realität am Instrument: Wie wir Bewegung, Atmung und sogar unseren Blick gezielt als Werkzeuge für ein müheloses Spiel nutzen.


Die Biomechanik des Klavierspiels: Natürliche Bewegungen nutzen


Instrumentalbewegungen sind auf den ersten Blick oft keine „natürlichen“ Alltagsbewegungen. Sie müssen im Lernprozess bewusst verstanden, in Teilbewegungen zerlegt und schrittweise automatisiert werden. Ein großer Hebel besteht darin, komplexe Abläufe am Klavier aus vertrauten Bewegungen des Alltags abzuleiten (wie dem natürlichen Schwingen des Arms oder dem Greifen nach einem Gegenstand).


Oft unterschätzen wir, wie viel unbewusste Kraft es uns kostet, auf dem Klavierhocker das Gleichgewicht zu behalten. Dieser unbemerkt aufgebrachte Kraftaufwand führt blitzschnell zu einer Versteifung im gesamten Spielapparat.

Die Kunst der dynamischen Instabilität: Ähnlich wie beim Gehen sollten Sie sich auch beim Klavierspielen in einem dauerhaft „instabilen“ Zustand befinden, den Sie durch ständige, minimale Ausgleichsbewegungen kompensieren. Der Körper bleibt elastisch und in fließender Bewegung – starres Sitzen blockiert den Klang.

Obwohl die Tastatur des Klaviers geometrisch aus lauter Geraden und rechten Winkeln besteht, sollten unsere Körperbewegungen beim Spielen möglichst rund, geschmeidig und flüssig sein. Das Gehirn und der Körper bevorzugen von Natur aus symmetrische Pendelbewegungen. Das Klavierspiel verlangt uns jedoch oft asymmetrische Bewegungsabläufe ab. Diese erfordern bewussten Übungsaufwand, sind jedoch der Schlüssel, um abrupte musikalische Charakterwechsel organisch zu gestalten.


Der ganze Körper spielt mit: Vom Becken bis zum Blick


Ein freier Ton beginnt nicht in der Fingerspitze, sondern im Fundament unseres Körpers. Achten Sie beim Üben bewusst darauf, dass sich Ihr gesamter Rumpf flexibel mitbewegt. Auch das Becken, die Beine, die Schultern und der Kopf sind aktiv an der Spannungsregulierung beteiligt.


Selbst die Bewegung der Augen hat einen direkten Einfluss auf Ihre Muskelspannung:


  • Ein starrer, festgefrorener Blick auf ein einzelnes Detail führt fast immer zu einer starren, verkrampften Körperhaltung.

  • Lassen Sie den Blick weich und vorausschauend fließen.


Die Kraft der „Ausdrucksbewegung“


Ein im Unterricht oft unterschätztes Element ist das theatralische oder pantomimische Mitgestalten der Musik. Versuchen Sie ganz bewusst, den Charakter eines Stücks auch körpersprachlich und mimisch zu imitieren.


Diese Ausdrucksbewegungen haben einen stark stabilisierenden Einfluss auf Ihr Timing und Ihre Rhythmik. Ein sanftes Kopfnicken kann einen wichtigen Ton betonen, während ein kurzes, elastisches Abfedern des Handgelenks plötzliche Akzente physisch vorbereitet. Zudem hilft die emotionale mimische Beteiligung Ihrem Gehirn dabei, die motorischen Abläufe deutlich tiefer und schneller abzuspeichern.


Gehirnhälften synchronisieren: Der Trick mit dem lauten Zählen


Francis Schneider gibt in seinem Werk einen simplen, aber genialen Tipp für rhythmisch anspruchsvolle Passagen: Lautes Zählen.


Oft neigen wir dazu, das Zählen einzustellen, sobald eine Stelle knifflig wird. Doch genau hier liegt die Lösung. Wenn Sie es schaffen, eine mühevolle Passage flüssig und laut mitzuzählen, werden Sie sie auch spielen können.


  • Das Sprechen wird primär von unserer linken Gehirnhälfte gesteuert.

  • Das Hören und Fühlen der Musik liegt in der rechten Gehirnhälfte.

  • Durch das laute Zählen während des Spielens zwingen Sie beide Gehirnhälften zu einer perfekten Synchronisation. Das schafft sofortige geistige Klarheit.


Die Atmung ist eine muskuläre Bewegung


Ein weit verbreitetes Phänomen im Klavieralltag: Sobald eine schwierige Stelle naht, hält der Spieler unbewusst die Luft an. Die Folge ist eine sofortige, physische Verkrampfung, die sich von der Brust bis in die Handgelenke fortpflanzt.


Um diesem Teufelskreis zu entgehen, richten wir im Unterricht das Augenmerk ganz bewusst auf die Ausatmung:


  • Die Ausatmung ist die Entspannungsphase unseres Atemprozesses. Atmen Sie an technisch schwierigen Stellen oder vor großen Sprüngen bewusst aus.

  • Der Brumm-Trick: Ein hervorragendes Hilfsmittel im Übealltag ist das leise Brummen während des Spielens. Da Brummen physiologisch nur beim Ausatmen möglich ist, zwingt es Ihren Körper ganz automatisch zu einem fließenden Atemstrom.

  • Atempausen als Gestaltungsmittel: Nutzen Sie bewusste Atempausen im Vortrag. Sie erhöhen die Aufmerksamkeit des Zuhörers und schaffen eine packende musikalische Spannung vor dem nächsten Einsatz.


Fazit der Übeserie: Der Weg zur Meisterschaft


Richtiges Klavierüben ist ein faszinierendes Zusammenspiel aus mentaler Struktur (Teil 1), einem klugen, angstfreien Umgang mit Fehlern (Teil 2) und der Integration unseres gesamten Körpers (Teil 3). Wenn Sie lernen, diese drei Säulen in Ihrem Übealltag zu vereinen, wird das Klavierspielen von einem mühsamen „Arbeiten“ zu einem tief befriedigenden, kreativen und fließenden Prozess.


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