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Wie übe ich richtig Klavier? Teil 1: Die Grundlagen für erfolgreiches Üben

  • Autorenbild: Richard Ilya Tauber
    Richard Ilya Tauber
  • 10. Nov. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 16. Juli



Trotz großer Motivation und unbestreitbarem Talent beobachte ich im Unterricht immer wieder dasselbe Phänomen: Der Lernprozess geht langsamer voran als er müsste, und am Ende steht oft große Frustration. Der Grund dafür liegt fast nie am fehlenden Fleiß – sondern an einer fehlenden, klugen Strategie für das Üben zu Hause.


In dieser dreiteiligen Blogserie möchte ich Ihnen wissenschaftlich fundierte und praxiserprobte Denkanstöße geben, wie Sie Ihre Zeit an den Tasten optimal nutzen. Dabei stütze ich mich auf meine langjährige Erfahrung als mdw-Lehrender sowie auf zwei herausragende Standardwerke der Musikpädagogik: Einfach üben“ von Gerhard Mantel und „Üben – was ist das eigentlich?“ von Francis Schneider. (Hinweis: Bei den Links handelt es sich um Amazon-Partnerlinks. Wenn Sie darüber kaufen, erhalte ich eine kleine Provision. Für Sie bleibt der Preis gleich.)


Starten wir im ersten Teil mit dem wichtigsten Fundament: Wie unser Gehirn lernt und wie wir dieses Wissen direkt am Klavier nutzen können.


Der rote Faden: Zielsetzung und die "rotierende Aufmerksamkeit"


Effizientes Üben beginnt im Kopf, noch bevor die erste Taste gedrückt wird. Jede Ihrer Übeeinheiten sollte mit einer ganz konkreten Frage beginnen: „Was genau will ich heute lernen?“ und mit der Reflexion enden: „Was habe ich heute gelernt?“ Wer ohne konkretes Tagesziel drauflosspielt, wiederholt meist nur das, was er ohnehin schon kann.


Gerade für Anfänger ist die Flut an Informationen beim Klavierspielen – Noten lesen, Rhythmus halten, Handhaltung, Pedal – oft überwältigend. Hier hilft das Prinzip der „rotierenden Aufmerksamkeit“:


  • Konzentrieren Sie sich bei jedem Durchlauf einer Passage nur auf einen einzigen Parameter.

  • Im ersten Durchgang achten Sie beispielsweise rein auf die rhythmische Präzision.

  • Im zweiten Durchgang wandert der Fokus exklusiv zur lockeren Handhaltung.

  • Im dritten Durchgang widmen Sie Ihre Aufmerksamkeit der klanglichen Gestaltung.


Indem Sie Ihre Aufmerksamkeit rotieren lassen, überfordern Sie Ihr Arbeitsgedächtnis nicht und erzielen dennoch in allen Bereichen Fortschritte.


Wie unser Gedächtnis lernt – und was das fürs Klavierspielen bedeutet


Um zu verstehen, wie wir Bewegungsabläufe verinnerlichen, hilft ein Blick in die Lernpsychologie. Das menschliche Arbeitsgedächtnis hält eine neue Information nur etwa 20 Sekunden lang aktiv. Schenken wir ihr in dieser kurzen Spanne keine erhöhte Aufmerksamkeit, wird sie nicht verarbeitet, sondern geht verloren.


Erst wenn eine Information innerhalb dieser 20 Sekunden wiederholt auftaucht und mit Fokus oder positiven Emotionen verknüpft wird, schaltet das Gehirn auf Empfang und beginnt, sie dauerhaft im Langzeitgedächtnis abzuspeichern.


Aus den Erkenntnissen von Francis Schneider lässt sich eine goldene Regel für schwierige Passagen ableiten: Es bringt absolut nichts, eine komplizierte Stelle nur ein einziges Mal fehlerfrei zu spielen. Das Gehirn nimmt diesen einmaligen Impuls nicht als relevant wahr.


  • Die Aktivierungsphase: Erst bei 3 bis 7 Wiederholungen hintereinander stuft das Gehirn die Information als wichtig ein.

  • Die Festigung: Wenn Sie diese Stelle nach etwa einer halben Stunde sowie an den darauffolgenden Tagen nochmals je 3 bis 7 Mal aufmerksam wiederholen, verankert sich der Bewegungsablauf sicher.

  • Die Grenze: Mehr als 7 Wiederholungen am Stück sind meist kontraproduktiv. Das Gehirn schaltet dann auf "Dauerberieselung" und stumpft ab.


Interessanterweise erinnern wir uns nach längerer Zeit oft besser an die ehemals schwierigen Passagen eines Stücks als an die leichten. Der Grund dafür ist simpel: Wir haben ihnen anfangs deutlich mehr bewusste Aufmerksamkeit geschenkt.


Mehrkanaliges Lernen und das "Zurückholen" der Aufmerksamkeit


Aufmerksamkeit ist eine begrenzte und kostbare Ressource. Wenn wir eine Passage so oft wiederholt haben, dass sie sich "automatisiert" hat, neigt unser Gehirn dazu, abzuschweifen. Das ist der Moment, in dem sich unbemerkt Fehler einschleichen.


Um die Aufmerksamkeit sofort wieder wachzurütteln, empfiehlt die Fachliteratur bewusste, kleine Veränderungen im Übungsablauf:


  • Transponieren Sie die Passage probeweise in eine andere Tonart.

  • Verschieben Sie die Betonungen (Akzente) auf andere Zählzeiten.

  • Bauen Sie rhythmische Varianten ein (z. B. punktierte Rhythmen statt gleichmäßiger Achtel).


Solche kleinen "Hindernisse" zwingen Ihr Gehirn, sofort wieder voll präsent zu sein. Je besser Sie zudem die Physiologie Ihres Körpers, die physikalischen Abläufe des Instruments und grundlegende musiktheoretische Zusammenhänge verstehen, desto schneller und logischer speichert Ihr Gehirn die Bewegungsabläufe ab.


Wiederholungen planen: Qualität vor Quantität


in fehlerfreies Einprägen neuer Bewegungen erfordert Struktur. Sie können und sollten die Anzahl der Durchgänge bereits im Vorfeld festlegen, um sich selbst zu disziplinieren:


  1. Die motorische Bewältigung: Um eine neue, schwierige Stelle überhaupt erst einmal physisch in die Finger zu bekommen, reichen meist 5 bis 9 gezielte Durchläufe.

  2. Die fehlerfreie Verankerung: Um diese Bewegung nun absolut sicher abzuspeichern, sind oft weitere 15 fehlerfreie Wiederholungen nötig.

Wichtigste Grundregel: Üben Sie niemals Fehler ein! Spielen Sie im Zweifel so langsam, dass ein Fehler physisch unmöglich ist. Jedes fehlerhafte Durchspielen speichert die falsche Bewegung im Muskelgedächtnis ab, die Sie danach mühsam wieder "überschreiben" müssen.

Warum Pausen und Urlaub den größten Fortschritt bringen


Das vielleicht am meisten unterschätzte Element des erfolgreichen Übens ist die Pause. Wenn wir eine gewisse Zeitspanne überschreiten, sinkt die Aufnahmefähigkeit unseres Gehirns drastisch. Das Gelernte wird nämlich nicht während des aktiven Spielens im Gehirn fest verdrahtet, sondern in den Phasen der Ruhe und im Schlaf.


Je nach Zielsetzung sollten Sie unterschiedliche Pausen nutzen:


  • Die Mikropause (ca. 5 Sekunden): Verharren Sie nach einer perfekt gelungenen Passage kurz auf dem letzten Ton, spüren Sie der Entspannung nach und lassen Sie das Gehirn die gelungene Bewegung registrieren.

  • Die körperliche Pause: Sobald Sie merken, dass die Muskulatur im Handgelenk oder Unterarm ermüdet, unterbrechen Sie das Spiel sofort, um Überlastungen zu vermeiden.

  • Die geistige Pause (15 bis 20 Minuten): Nach intensivem, konzentriertem Üben braucht das Gehirn Zeit zum "Umsortieren".


Ich habe es in meiner Lehrtätigkeit schon erstaunlich oft erlebt: Schüler kommen aus einem zweiwöchigen Urlaub zurück, in dem sie keine einzige Taste berührt haben – und plötzlich läuft ein zuvor schwieriges Stück wie von selbst. Gönnen Sie Ihrem Gehirn diese Reifeprozesse.


Ausblick auf Teil 2


Im nächsten Teil dieser Serie widmen wir uns den ganz konkreten „Überezepten“ für die Praxis: Wie wir Stücke strukturiert zerlegen, das Tempo kontrolliert steigern und mentale Barrieren abbauen.


Wenn Sie gemeinsam mit mir an Ihren ganz persönlichen, effizienten Übestrategien arbeiten möchten, freue ich mich darauf, Sie in meinem Unterricht in Wien zu unterstützen.





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