WIE ÜBE ICH RICHTIG KLAVIER? TEIL 3: BEWEGUNG

Die beim Spielen erforderlichen Bewegungen können in Funktionsbewegungen, Bewegungen zur Spannung und Entspannung, Sensibilisierungsbewegungen und Ausdrucksbewegungen unterteilt werden. Hinzu kommen noch Aspekte wie Atemtraining, Sprachtraining oder die Entwicklung des Tastsinns.

Man kann Spielbewegungen oft aus Bewegungsabläufen des Alltages ableiten. Im Lernprozess ist es ratsam, sich solche Bewegungsformen zu vergegenwärtigen und diese mit mittlerer Geschwindigkeit am Instrument einzuüben. Oft wird auch unterschätzt, dass es viel Kraft erfordert das Gleichgewicht zu behalten und dieser Kraftaufwand zu Versteifungen im ganzen Spielapparat führen kann. Ähnlich wie beim Gehen sollte man auch beim Spielen darauf achten, dass sich der Körper in einem dauerhaft instabilen Zustand befindet, der durch Bewegung kompensiert wird. Da jegliche Spielbewegung den Körper prinzipiell aus dem Gleichgewicht bringt, müssen laufend kompensierende Bewegungen ausgeführt werden, um dies aufzufangen. Der Körper bleibt also ständig in Bewegung.

Selbstverständlich müssen auch Bewegungsabläufe eintrainiert werden, die direkt im Zusammenhang mit dem Spielen stehen. Dafür ist es wichtig darauf zu achten, sogenannte Teilbewegungen bewusst wahrzunehmen und gesondert zu üben. Man muss sich bewusst sein, dass Instrumentalbewegungen nicht zwingend „natürliche“ Bewegungen sind. Sie müssen bewusst automatisiert werden. Diese Teilbewegungen können sowohl am Instrument, als auch ohne Instrument geübt werden.

Prinzipiell sollen Körperbewegungen möglichst rund und flüssig ausgeführt werden, auch wenn die Geometrie des Instrumentes eigentlich aus vielen Geraden oder rechten Winkeln besteht. Abläufe können jedoch nur dann musikalisch sinnvoll gestaltet werden, wenn auch abrupte Spieländerungen eintrainiert werden, denn der Körper ist eher symmetrische Pendelbewegungen gewohnt. Sogenannte asymmetrische Bewegungen erfordern mehr Kraft und Übungsaufwand und sind im Lernprozess extrem wichtig.

Der ganze Körper muss sich bewegen

Beim Spielen muss man also darauf achten, dass sich nicht nur die Hände bewegen, sondern auch der gesamte Körper. Beispielsweise ist es wichtig, dass sich beim Spielen der gesamte Rumpf mitbewegt. Auch Beckenbewegungen sowie Bewegungen der Beine, Schultern und sogar des Kopfes sollen mit einbezogen werden. Selbst die Bewegung der Augen hat Einfluss auf die Körperspannung. Ein starrer Blick hat meist auch eine starre Körperhaltung zur Folge.

Neben den Sensibilisierungsbewegungen gibt es einen weiteren Typus der ein „theatralisches“ Element enthält, jedoch den Ausdruck und die Technik ebenso ungemein fördert: Ausdrucksbewegungen. Ich denke, dass diese im Unterricht oft unterschätzt werden. Jedoch kann der Versuch, die Musik auch pantomimisch zu imitieren, die Fähigkeiten entscheidend verbessern. Ausdrucksbewegungen haben einen stabilisierenden Einfluss auf Tempo, Rhythmik und Musikalität. Es ist deshalb ratsam auch mit solchen Bewegungen zu experimentieren. Beispielsweise kann ein sanftes Kopfnicken einzelne Töne besonders herausstreichen und ihnen eine größere Wichtigkeit verleihen. Das kurze ruckartige Schütteln des Kopfes ist bei plötzlichen Tonintensivierungen, wie etwa Akzenten, zu empfehlen. Die Mimik darf ebenfalls nicht unterschätzt werden, denn sie verstärkt so die musikalische Empfindung. Darüber hinaus verstärkt die Emotionalisierung die Einprägung von Bewegungsabläufen im Gehirn.

Schneider gibt in seinem Buch einen interessanten Tipp: Er empfiehlt lautes Zählen, um sich über eine bestimmte Stelle Klarheit zu verschaffen, denn oft können SchülerInnen bei mühevollen Stellen auch nicht zählen. Sobald die Person es schafft darüber zu zählen, wird sie die Stelle auch spielen können. Das Zählen verbindet rechte und linke Gehirnhälfte: Das Sprechen gehört zur linken Gehirnhälfte, das Hören zur rechten Gehirnhälfte. Der Gebrauch beider Gehirnhälften ist ein durchgängiges Konzept bei Schneider und zeigt sich auch in diesem Beispiel wieder.

Auch die Atmung ist eine muskuläre Bewegung

Ich erlebe oft, dass Schülerinnen und Schüler beim Spielen die Luft anhalten und so weiter verkrampfen. Um dem entgegenzuwirken, legen wir besonderes Augenmerk auf die Ausatmung. Sie ist die wichtigere Phase im Atemprozess. Deshalb wird bei schwierigen Stellen ausgeatmet. Dies üben Sie mittels Brummen, da Brummen nur beim Ausatmen möglich ist. Auch außerhalb des Spielens kann die Atmung trainiert werden: Atmen ist im Idealfall ein Ganzkörperprozess, der bis zum Beckenboden gefühlt werden kann. Auch Atempausen können in den musikalischen Vortrag mit einbezogen werden. Atempausen erhöhen die Aufmerksamkeit und schaffen musikalische Spannung.

Aus eigener Erfahrung finde ich es wichtig, spezifische Bewegungsabläufe in das Üben einzubauen. Indem man mit rhythmischen Varianten übt, wird das Gelernte besser verankert, da die Rhythmisierung, das Einteilen in Gruppen, ein tiefes Bedürfnis des Menschen ist. Das Gelernte wird dadurch auch leichter eingeprägt.

Im Zuge meiner langjährigen Tätigkeit als Pianist und Lehrer habe ich sowohl bei mir, als auch bei meinen SchülerInnen festgestellt, dass trotz vorhandener Motivation und Talent der Lernprozess oft langsamer als notwendig voran geht, was große Frustration zur Folge haben kann. Meist liegt der Grund darin, dass keine Strategie für das Üben vorhanden ist. In meinen Blogbeiträgen zum Thema „Wie übe ich richtig Klavier?“ möchte ich einige Denkanstöße dazu schreiben und orientiere mich dabei an den Büchern „Einfach üben. 185 unübliche Überezepte für Instrumentalisten“ von Gerhard Mantel sowie „Üben – was ist das eigentlich? Neue Erkenntnisse, alte Weisheiten, Tipps für die Praxis eine Art Puzzle“ von Francis Schneider.

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